Wurzeln und Flügel

Die Sängerin Judy Bailey über ihre Fahrradausflüge als Fünfjährige, das grenzenlose Vertrauen ihrer Eltern und ihr Leben zwischen zwei Welten.

Erst vor ein paar Monaten ist Levi in unser Leben gekommen. Während ich das hier schreibe, versucht er nach dem Laptop zu greifen und ich kann sehen, dass er täglich wächst. Als frisch gebackene Mutter frag ich mich natürlich, was wohl einmal aus diesem kleinen Energiebündel wird und welche Rolle wir als Eltern spielen werden, um dieser Person zu helfen, sich zu entwickeln und die Ausbildung seines Charakters zu fördern. Und genauso natürlich ist es in diesem Moment für mich, zurückzublicken und darüber nachzudenken, welche Spuren meine Eltern in meinem Leben hinterlassen haben.

Das Mädchen auf dem roten Fahrrad

Was sie mir beigebracht haben, geschah nicht bewusst. Es machte nie den Anschein, als versuchten sie mir etwas Wichtiges zu vermitteln. Und ich weiß, dass sie nie irgendwelche Bücher über Kindererziehung gelesen haben. Sie haben intuitiv einfach das gemacht, was ihnen für mich angemessen schien.

Wenn ich meine Heimat Barbados besuche, dann erzählen mir die Leute oft von ihren Erinnerungen, die sie an mich als kleines Kind haben &endash; wie ich als Fünfjährige auf meinem kleinen roten Fahrrad zur Schule gefahren bin. Ich war die einzige in der Gegend, die das gemacht hat. Daher blieb dieses Bild von einem kleinen Mädchen, das jeden Tag gute sechs Kilometer gestrampelt ist, in vielen Köpfen hängen. Dieses Bild zeigt vermutlich ziemlich gut, was meine Eltern schon von klein auf in mir gefördert haben &endash; einen wunderbaren Sinn für Unabhängigkeit und Freiheit, der ich bis heute nicht verloren habe.

Ich fragte bei meiner Mutter noch mal nach, als ich diesen Beitrag schrieb. Ich konnte einfach nicht glauben, dass ich das mit fünf Jahren gemacht hatte. "Wirklich &endash; mit fünf?", fragt ich meine Mutter erstaunt. "Hattest du nicht Angst, dass mir etwas passieren könnte?"

Sie sagte, dass sie sich damals keine Sorgen gemacht hatte, sonst hätte sie es auch nicht erlaubt. Und außerdem wären kaum Autos auf der Straße gewesen. Viele Leute in der Gegend kannten unsere Familie und wussten um meine tägliche Radtour, so dass sie nach mir Ausschau hielten. Offensichtlich war es meine Idee gewesen, mit dem Fahrrad zur Schule zu fahren. Mein Bruder, der sieben Jahre älter ist als ich, hatte das gemacht und ich sah keinen Grund, warum ich es nicht auch tun konnte.

Später, als ich zehn Jahre alt war, hörte ich, dass ein Lehrer von einer anderen Schule Extra-Unterricht gab, um bei der Vorbereitung für die Abschlussprüfung zu helfen. Die mussten wir bestehen, um auf die weiterführende Schule zu kommen. Das Schulsystem funktionierte so: Je besser man war, desto anerkannter war die Schule, zu der man gehen konnte und desto größer waren dann die Chancen, die man hinterher hatte. Mir war das völlig bewusst. Ohne meinen Eltern davon zu erzählen, ging ich eines abends zu diesem Extra-Unterricht. Ich erzählte meiner Mutter erst davon, als ich wieder zu Hause war. Und damit fing meine Abendschule an.(Es hat sich übrigens ausgezahlt. Ich konnte auf die Schule meiner Wahl gehen.)

Sommer in Amerika

Mit 14 bekam ich zum ersten Mal die Chance, Barbados zu verlassen. Ich verbrachte einen Teil der Sommerferien in den USA mit einer Freundin, die mit ihrer Großmutter in unserer Nähe wohnte. Ihre Eltern aber lebten in New York. Meine Eltern wussten, wie gerne ich eine Zeit ins Ausland wollte - und ließen mich ziehen.

Nachdem ich mit 15 während eines Austauschprogramms zusammen mit anderen Leuten aus Barbados ein Camp in Florida besucht hatte, wurde ich eingeladen, im folgenden Jahr als Betreuerin wiederzukommen. Ich nahm die Einladung an. Das war der Beginn von vielen Sommern in Florida, in denen ich in eine völlig andere Kultur eintauchte. Für all diese Dinge brauchte ich Geld. Und wir waren nicht reich. Nicht total arm, aber wir mussten immer aufs Geld achten. Meine Mutter tat alles, was sie nur konnte und irgendwie schaffte sie es, alle diese Dinge mit einem kleinen Budget möglich zu machen &endash; mein Fahrrad, den Unterricht und die Auslandsreisen.

Als ich 16 Jahre als war, bin ich regelmäßig nach Florida gegangen, und ich entschied mich zu jobben, damit ich etwas zu den Flugkosten beitragen konnte. Ich war nicht schlecht in Kalligraphie und antwortete auf eine Zeitungsanzeige, in der Leute gesucht wurden, die Sinnsprüche und Sprichworte künstlerisch umsetzen, einrahmen und verkaufen konnten. Ich brauchte nicht lange, bis ich merkte, dass ich das alles selber machen konnte &endash; Material besorgen, tun, was ich sowieso schon tat und dafür hundert Prozent des Umsatzes bekommen. Also machte ich das. Es stellt sich heraus, dass das eine sehr lukrative Entscheidung war! Innerhalb kürzester Zeit konnte ich nicht nur meine Flüge bezahlen.

Auch was Gemeinde und Glauben betraf, hatte ich eigene Ideen. Ich bin jeden Sonntag morgen mit in die Kirche gegangen, aber ich entschied mich für die Sonntagschule und war oft auch noch im Abendgottesdienst. Ich fand es für mich gut, mit acht Jahren in den Kirchenchor zu gehen, mit neun konfirmiert zu werden und noch in anderen Bereichen des kirchlichen Lebens mit drinzustecken. Auch meine sehr bewusste Entscheidung, mit Gott zu leben, traf ich eines Sommers alleine in meinem Zimmer. Meine Eltern waren noch bei der Arbeit und weder sie noch irgendwer sonst hatte Druck auf mich ausgeübt oder mir gesagt, dass ich das tun sollte.

Erst im Rückblick fällt mir auf, in welcher Freiheit ich aufgewachsen bin und wie diese Freiheit aus mir die Person gemacht hat, die ich heute bin. Ich weiß natürlich auch, dass Freiheit auch heißen kann: Die Eltern kümmern sich nicht. Aber das trifft nicht auf uns zu. Ich fühlte mich Wert geschätzt und gewollt. Es gibt in meiner Erinnerung nicht einen Tag, an dem ich mich ungeliebt gefühlt habe. Traurig ja, auch frustriert, aber nie ungeliebt.

Mit dieser Sicherheit wuchs ich auf: Ich kann Risiken eingehen, weil ich weiß, zumindest darauf vertraue, dass es am Ende gut ausgeht. Auch wenn ich oft eigentlich keine Vorstellung davon hatte, was am Schluss passieren würde.

Mein Weg nach Europa

So habe ich mit 19 Barbados verlassen, um in London zu studieren. Ich hatte vorher ein Jahr lang Physik und Mathe studiert und war mir sehr sicher, dass ich keinen Beruf haben wollte, der irgendetwas mit diesen Fächern zu tun hatte. Also entschloss ich mich, nach London zu gehen. Wieder unterstützten meine Eltern diesen Entschluss, sowohl inhaltlich als auch finanziell. Und abgesehen von meinem Studium wollte ich unbedingt mein Hobby weiterentwickeln &endash; die Musik. Nur hatte ich keine Idee, wie.

Während ich diese Ereignisse aufzähle, steht mir sehr deutlich vor Augen, welches Vorbild ich in meinen Eltern Luther und Jean hatte. In den späten 50ern gingen sie von Barbados nach London. Beide waren Teenager und wurden mit einer völlig neuen Kultur und Lebensatmosphäre konfrontiert, die Schwarzen gegenüber überhaupt nicht freundlich eingestellt war. Sie machten das beste aus ihren Möglichkeiten &endash; ob es ihre Fähigkeit zu harter Arbeit war oder einfach eine unverwüstliche Ausdauer. Sie versuchten, ihre Chancen zu nutzen. Sie scheuten sich nicht davor, Normen zu brechen und ihren Träumen zu folgen, auch wenn sie keine Vorstellung davon hatten, wo sie landen würden.

Vielleicht erklärt das zu einem gewissen Maß, weshalb ich nie richtige Angst davor hatte, einen vertrauten Ort an der Uni in Barbados zu verlassen und nach London zu gehen. Wenn ich zurückschaue, finde ich das wirklich mutig. Ich bin nach London gegangen, ohne mich überhaupt an einer Universität beworben zu haben. Aber es ist gut gegangen. Innerhalb von zwei Wochen war ich eingeschrieben. Auch um das Leben als Musikerin habe ich mir keine großen Sorgen gemacht. Das Musikerleben ist immer unvorhersehbar.

"Könnt ihr davon leben?", werden wir immer wieder gefragt. Wir wissen und schätzen es, dass wir zu den Glücklichen zählen, die das können. Aber irgendwie war das für mich nie eine Frage. Auch nicht, als ich noch nicht wusste, dass es funktionieren wird. Ich vermute, dass ich einfach meinen Teil tat und mir irgendwie sicher war, dass sich der Rest ergeben würde - wie auch immer.

Tägliche Anrufe

Manchmal sitze ich hinter unserem Haus in Barbados und mein Vater erzählt mir, dass er seine Rückkehr nach Barbados bedauert. Finanziell gesehen wäre es ihnen in England besser gegangen.

Dann sage ich ihm, wie froh ich bin, dass sie zurückgekehrt sind. Ich bin in London geboren worden, aber meine Heimat ist Barbados. Manchmal frage ich mich, wie ich wohl wäre, wenn ich in London groß geworden wäre. Was für Vorteile auch immer es in England gegeben hätte, ich bin so dankbar, dass ich in Barbados aufwachsen konnte. Neben dem schönen Wetter und dem Meer gibt es viele Pluspunkte dieser Gemeinschaft - wie das Schulsystem und die Tatsache, dass ich nicht als Teil einer ethischen Minderheit angesehen wurde. Es hatte viele Vorteile, mit einem positiven Bild seiner eigenen "Rasse" groß zu werden. Denn schwarze Richter, Ärzte und Bundesminister waren normal. Es gab keinen Minderwertigkeitskomplex wegen der Hautfarbe, der mich in meinem Glauben hinderte, erreichen zu können, was ich wollte. Was für ein wertvolles, unverhofftes Geschenk. Wie wunderbar zu wissen, dass Gott gut für uns sorgt.

Goethe sagte, dass es zwei Dinge gibt, die Kinder von ihren Eltern bekommen sollten: Wurzeln und Flügel. Ich glaube, ich habe beides bekommen. Das kleine Mädchen auf dem Fahrrad erstaunt und inspiriert mich, aber vor allem bringt es mich dazu, meine Eltern für das zu bewundern, was sie mir gegeben haben &endash; einen ausgeprägten Sinn für Sicherheit und Identität, der die Grundlage für Freiheit und Unabhängigkeit ist.

Und ich bewundere das Vertrauen, das sie zu einer Fünfjährigen hatten. Ich bin ihnen auf ewig dankbar. Deshalb rufe ich fast jeden Tag Zuhause an &endash; nur für ungefähr eine Minute &endash; um zu hören, dass alles in Ordnung ist und die Sonne in Barbados immer noch scheint. Und einmal im Jahr versuche ich nach Hause zu fliegen und selber nachzusehen.

Für unseren kleinen Sohn hoffe ich, dass ich fähig sein werde, ihm etwas von dem Vertrauen zu geben, das ich geschenkt bekam. Dass ich ihm festen Boden geben kann und die Freiheit zu fliegen. Und vielleicht, ganz vielleicht wird er dann eines Tages sagen können: "Mama, Papa, - das habt ihr gut gemacht".




Fri, 24-11-2017

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